Beurteilen im Zyklus 1
Seit Anfang Schuljahr 2022/23 gibt’s einige Neuerungen bei der Beurteilung im Zyklus 1. Was genau sich im Kindergarten und in der 1./2. Klasse ändert, wird im Folgenden kurz aufgezeigt.
Beurteilen als Teil unseres Auftrags als Schule
Stellen Sie sich vor, Sie müssten auf einer Skala von 1 bis 6 beurteilen, wie erfolgreich Sie ihr Leben führen. Was für einen Wert würden Sie sich selbst geben? Ist dieser Wert für Sie vergleichbar mit dem Wert, den Ihre Nachbarin sich gegeben hat? Lässt sich Erfolg im Leben auf eine einzige Zahl reduzieren? Oder steckt mehr dahinter?
Ähnlich geht es der Schule beim Beurteilen von Kompetenzen. Es ist eine grosse Herausforderung. Oft greift es zu kurz, eine Beurteilung mit einer einzigen Zahl auszudrücken. Wie das Beispiel oben zeigt, können ganz unterschiedliche Kriterien verwendet werden zur Beurteilung des eigenen Erfolgs oder der eigenen Kompetenzen.
Als Schule bewegen wir uns stets in einem Spannungsfeld zwischen der Förderung der individuellen Entwicklung der Kinder einerseits und dem Beurteilen und Selektionieren andererseits. Bei allen Bemühungen können wir diesen Zwiespalt in unserem Auftrag nie ganz auflösen.
Der neue Lehrplan orientiert sich an Kompetenzen, die über drei Zyklen hinweg erreicht werden sollen:
- Zyklus 1: Kindergarten bis 2. Klasse (in Lohn-Ammannsegg)
- Zyklus 2: 3. bis 6. Klasse (in Lohn-Ammannsegg)
- Zyklus 3: 7. bis 9. Klasse (in Biberist, resp. Solothurn)
Dieses Denken in Zyklen statt in Jahrgangsstufen hat neu Einfluss aufs Beurteilen im Zyklus 1: Erst am Ende des Zyklus’, also Ende der 2. Klasse, erhalten die Kinder ein Zeugnis mit einer Bewertung der Kompetenzen, die sie Ende Zyklus 1 erreichen sollen. Die Bewertung erfolgt nicht über eine Zahl (Zeugnisnote), sondern über drei Prädikate:
- «teilweise erreicht»
- «erreicht»
- «teilweise übertroffen»
Am Ende des 1. und 2. Kindergartenjahres sowie am Ende der 1. Klasse erhalten die Kinder somit lediglich eine Bestätigung und kein Zeugnis mehr. Diese neue Regelung gilt in Lohn-Ammannsegg für alle Kinder, die im Schuljahr 22/23 im Kindergarten oder in der 1. Klasse sind, sowie für alle, die später ihre Schullaufbahn bei uns starten.
Umsetzung im Kindergarten
Konkret findet bei uns im Kindergarten jeweils im 3. Quartal ein Standortgespräch statt. Basis dafür sind Beobachtungen übers ganze Jahr hindurch (beim Freispiel, in geführten Sequenzen und beim Ausführen von Aufträgen), (Entwicklungs-)Zeichnungen und wenige Arbeitsblätter. Im Vorfeld des Standortgespräches wird mit jedem Kind eine Selbsteinschätzung gemacht. Diese und der von den Lehrpersonen ausgefüllte Beobachtungsbogen dienen als Gesprächsleitfaden.
Der Beobachtungsbogen ist, Lehrplan 21 konform, aufgeteilt in die folgenden Bereiche:
- Bei den Überfachlichen Kompetenzen geht es um die personellen Kompetenzen (Bspw.: Selbstständigkeit), die sozialen Kompetenzen (Bspw. Konfliktfähigkeit und Empathie) und die methodischen Kompetenzen (Bspw.: Aufgaben- und Problemlösekompetenz).
- Unterpunkte der Entwicklungsorientieren Zugänge sind beispielsweise Körper und Motorik, Zusammenhänge erkennen, Fantasie und Kreativität.
- Die Fachkompetenzen beinhalten Bildnerisches Gestalten, Mathematik, Sprache, Musik, NMG und Bewegung und Sport.
Im Kindergarten liegt der Fokus bei den Standortgesprächen vor allem auf den überfachlichen Kompetenzen und den entwicklungsorientierten Zugängen. Die Fachkompetenzen werden im zweiten Kindergartenjahr immer wichtiger, auch hinsichtlich des Überganges in die 1. Klasse.
Umsetzung in der 1./2. Klasse
Zur Beurteilung des Lernprozesses auf der 1./2. Klasse dienen zwei Kompetenzraster. Ein Kompetenzraster ist ein Instrument, in dem die einzelnen Teil-Kompetenzen eines Themas aufgeführt sind.


Blau markiert ist jeweils das Thema, dahinter sind die einzelnen Teil-Kompetenzen, die typischerweise dafür durchlaufen werden, aufgeführt. Die grau markierten Felder visualisieren den Grundanspruch, also das Ziel, welches das Kind bis Ende 2. Klasse erreichen sollte.
Bei der Mathematik wird häufig unterschieden, ob das Kind die Aufgaben bereits ohne Material lösen kann oder ob es noch Hilfsmaterial benötigt.


Auf zwei A4-Blättern finden die Eltern so alle Kompetenzen, die ihr Kind bis Ende 2. Klasse erreichen sollte.
Jedes Kind hat ein solches Kompetenzraster, es befindet sich grundsätzlich in der Schule. 3- bis 4-mal kommt das Raster mit nach Hause. Die erreichten Kompetenzen sind dann abgestempelt. Das kann zum Beispiel so aussehen:

Die Eltern bekommen jeweils nicht nur das Kompetenzraster nach Hause, sondern auch Lernbelege. Lernbelege sind Produkte aus dem Schulalltag, welche aufzeigen, was das Kind schon kann. Das kann zum Beispiel ein Arbeitsblatt sein:

Auf diesem Blatt hier müssen die Kinder die Bilder mit dem jeweiligen Anlaut umkreisen. Man kann so sehen, ob ein Kind das Thema Anlaute verstanden hat.
Ein Lernbeleg kann auch ein Foto aus dem Schulalltag sein:

In diesem Beispiel musste ein Kind Reimpaare zuordnen.
Ein Lernbeleg kann aber auch eine detaillierte Rückmeldung sein, wie hier zum Thema «Geschichten schreiben»:

Zusammen mit dem Kompetenzraster und den Lernbelegen bekommen die Eltern ein Beilageblatt. Dort bestätigen sie die Einsicht in die Dokumente mit einer Unterschrift.
Ausblick
Mit den aufgezeigten Instrumenten machen wir uns als Schule nun auf, Erfahrungen zu sammeln. Es ist uns sehr wichtig, Erkenntnisse aus dieser Einführungsphase zu benennen und für weitere Durchführungen Anpassungen vorzunehmen. So wollen wir uns als lernende Organisation im Bereich Beurteilen weiter entwickeln.
Auf die ersten Erfahrungen sind wir sehr gespannt.
Schulleitung und Unterrichtsteams Kindergarten + 1./2. Klasse, Herbst 2022